Maiandacht

Sonntag, 26. Mai 2013. Es regnet seit Tagen. Es ist kalt. Mitten im Mai. Wir haben heute den ganzen Tag noch nicht das Haus verlassen. Das Feuer brennt im Kamin und wir spielen mit den Kindern Karten. Obwohl die Gewinner-Verliererbilanz für jeden Einzelnen so einigermaßen ausgeglichen ist, bricht doch noch der Lagerkoller aus. Nichts wie raus hier. Aber wohin? Sonntagabend, viertel vor sechs. Mein Mann schlägt die Maiandacht vor. Sogar ich zucke kurz zusammen und denke: der spinnt. Da werden die Kinder völlig durchdrehen. Protestieren tun sie jetzt schon. Aber: nichts anmerken lassen. Gummistiefel anziehen. Raus aus der Bude. Natürlich kommen wir zu spät. Und ich weiß nicht, wer sich mehr erschreckt: die sechs Frauen, die vor der Marienstatue sitzen oder wir. Ich mag auch nicht schätzen, ob die die Besucherinnen im Schnitt 70, 80 oder 90 Jahre alt sind. Die Madonna ist mit einem Haufen Tüll und fünf Petunientöpfen dekoriert. Ja, dem Kapitel Topfpflanzen in Kirchenräumen werde ich mich bei Gelegenheit auch nochmal widmen. Wir setzen uns also dazu. Und schon wird der Rosenkranz gebetet.

Rosenkranz beten. Ich erinnere mich noch dunkel, dass meine sehr katholische Oma mich als Kind mit in die Maiandachten genommen hat. Mir kam die Kirche damals sehr groß vor. Die Frauen saßen links. Die Männer rechts. Meine Oma roch nach Kölnisch Wasser. Und es wurde der Rosenkranz gebetet. Ave Maria, Mutter Gottes, voll der Gnade. Du bist gebenedeit unter den Frauen. Und gebenedeit ist die Frucht Deines Leibes: Jesus Christus, der uns den Heiligen Geist gebracht hat. Bitte für uns Sünder. Jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen. Stundenlang wurde das wiederholt. Ave Maria, Mutter Gottes, voll der Gnade. Du bist gebenedeit unter den Frauen. Und gebenedeit ist die Frucht Deines Leibes: Jesus Christus, der uns den Heiligen Geist gebracht hat. Bitte für uns Sünder. Jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen. Das Gebet wird im Wechsel gesprochen. Das Ritual berührt mich sofort.

Während ich mit meinen Gedanken bei meiner toten Oma und alle den anderen Seelen bin, hat unser Sohn ein Spielzeugauto in seiner Jackentasche gefunden und macht einen sehr zufriedenen Eindruck. Unsere Tochter hat Gefallen daran gefunden mit ihrer glockenhellen Kinderstimme alles laut mitzulesen. Das treibt mir vor Rührung fast die Tränen in die Augen. Dieses allerdings auch: Mein Mann singt so schön falsch. Das macht er übrigens immer. Die Damen um ihn herum finden das anscheinend gut. Ist ja auch toll, so ein junger Mann Mitte Vierzig in ihrer Mitte. Damit hatte heute keiner gerechnet. Wir freuen uns alle, dass wir uns gefunden haben und sind uns einig in dem Lied: Maria breit Dein Mantel aus, mach Schutz und Schirm für uns daraus. Wir beten zum Abschluss den Wettersegen. Als wir aus der Kirche kommen, hat er leider noch nicht gewirkt. Es schüttet immer noch. Dafür haben wir jetzt richtig gut gelaunte Kinder, die lachend durch die Pfützen springen.

Maria_web

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